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 Betreff des Beitrags: Linke Politik - Rollenverteilungen?
 Neuer Beitrag Verfasst: 18.07.2010, 19:01 
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Klumpen Tofu
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Ich habe jetzt in meinem Leben schon in diverse politische Gruppen mal reinschnuppern, in einigen davon auch aktiv mitarbeiten können. Außerdem war ich auf einer Reihe von Demos, Workshops usw.. Was mir dabei aufgefallen ist; auch in der emanzipatorischen Linken ziehen sich Rollenklischees durch alle Ebenen - Frauen sind für Empathie und Fürsorge, Männer fürs Hau-drauf zuständig. Klar gibt es Ausnahmen und hier sicher mehr als anderswo, aber in der Regel ist dieser Hang leider auch hier immer noch festzustellen. Frauen findet mensch (meiner Erfahrung nach) verstärkt in Soliküchen/ Food-not-Bombs-Projekten, Tierrechtsgruppen und feministischen/ antisexistischen Kreisen. Männer dagegen widmen sich (meiner Erfahrung nach) vermehrt der Antifa-, Antira-Arbeit, direkten Aktionen auf Demos usw. Alles, was mit Gefühl und für-jemanden-da-sein/ sich-um-jemanden-sorgen zu tun hat (somit weiblich konnotierte Fähigkeiten anspricht) scheint weiblich sozialisierte Menschen eher anzusprechen, alles was dagegen mit Action, "gefährlichen" Aktionen/ Arbeiten, viel Theorie und dadurch auch oft "großen Reden" (männlich konnotierte Fähigkeiten) zu tun hat wird in erster Linie von männlich sozialisierten Menschen ausgeübt.

Habt ihr ähnliche oder eher gegensätzliche Erfahrungen gemacht?

Sollten Eure Erfahrungen ähnlich sein, wie denkt ihr kann man das Ganze angehen um entsprechende Gruppen vielleicht zugänglicher für männlich bzw. weiblich sozialisierte Menschen zu machen?

Habt ihr das Ganze vielleicht sogar schonmal in einer eurer Polit-Gruppen thematisiert? Wenn ja, wie waren die Reaktionen?

Entsprecht ihr selbst diesem "Klischee"? Wenn ja, woran liegt das? Was schreckt Euch bei dem einem ab, zieht Euch bei dem anderen widerum an? War Euch das bisher bewusst?

Finde das ein total interessantes Thema und bin gespannt auf Eure Antworten :)

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>>Denn wenn wir schon nicht verhindern können, dass der Wahnsinn über unsere Köpfe fliegt, dann lasst uns wenigstens verhindern, dass er in unseren Haaren Nester baut.<<


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 Betreff des Beitrags: Re: Linke Politik - Rollenverteilungen?
 Neuer Beitrag Verfasst: 18.07.2010, 22:15 
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Klumpen Tofu

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stimmt völlig. ich hab nur keien ahnung, was da zu tun wäre

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 Betreff des Beitrags: Re: Linke Politik - Rollenverteilungen?
 Neuer Beitrag Verfasst: 18.07.2010, 22:52 
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Klumpen Tofu

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Nemesister hat geschrieben:
Habt ihr ähnliche oder eher gegensätzliche Erfahrungen gemacht?


ja und nein. ich bin in frankfurt in der ladyfestgruppe und wir werden immer wieder von anderen teilen der linken gefragt, ob wir mal workshops zu feminismus und antisexismus machen, partyräume so gestalten dass sich da alle menschen wohlfühlen und sowas. das interesse daran ist also in breiten kreisen da, das finde ich cool und wir sehen das als teil unserer arbeit, also machen wir das auch. ich persönlich finde es aber schon schade, dass auf den workshops immer wieder die gleichen gesichter zu sehen sind und die verantwortung für feministische anliegen dann meistens auf uns abgewälzt wird.

beispiel 1: ich war auf ner antifaparty und niemand hat sich daran gestört, dass da ein mensch mit nem pin-up und sexistischem spruch aufm t-shirt rumlief. war zwar kein linker, sondern einer der menschen, die minderjährig sind und halt im az party machen weil's keine ausweiskontrolle gibt. von dem erwarte ich nicht dass er sich jemals gedanken über sexismus gemacht hat und sofort die krasse einsicht hat, trotzdem muss ich drauf reagieren. es muss also erst die berufsfeministin ankommen und ihn volllabern, bis er, als minimalkonsens, seinen pulli drüberzieht. und dann klopfen mir die orgaleute auf die schultern, als ich ihn irgendwann später rausgeschmissen habe weil er den pulli natürlich wieder ausgezogen hat.

beispiel 2: "was, die ladyfestgruppe macht nix für's sommerfest? jetzt bin ich echt enttäuscht, vor allem die deko ist doch megawichtig, ihr macht das doch sonst voll gut auf euren parties, und bei uns sollen sich doch alle wohlfühlen können, zu wem schicken wir denn jetzt die leute die opfer sexistischer übergriffe werden?"

beispiel 3:
antifamacker: "wir wollen ne iran-solidemo zum 8. märz machen, seid ihr dabei?"
wir: "also wenn dann würden wir gerne am 8. märz deutsche und innerlinke verhältnisse thematisieren..."
antifamacker: "das ist doch unwichtig, im iran werden frauen gesteinigt!"
wir: "manche von euren genossen haben sich krass sexistisch geäußert_benommen, und jetzt machen sie auf feministen. wir haben keinen bock mit sexisten ne demo zum weltfrauentag zu machen!"
antifamacker: "soll das heißen ihr solidarisiert euch nicht mit den frauen im iran?"

ich kann nicht so viel zum gesamten linken querschnitt sagen weil ich noch nicht lange politisch aktiv bin, habe die meisten erfahrungen halt aus den studiprotesten und in feministischer arbeit... in sachen theorie sehe ich keine geschlechterunterschiede, außer dass männer ihr wissen gerne mehr raushängen lassen und manche zu patriarchalem redeverhalten neigen. was die praxis angeht, manche frauen sind absolut nicht zimperlich und scheuen auch handfeste auseinandersetzungen nicht, sind allerdings ausnahmen.
auf einer der letzten bildungsstreikdemos gab es die situation, dass da nur frauen in der ersten reihe standen. dazu sei gesagt, dass das in frankfurt selten ein locker-fluffiger stadtspaziergang mit ein zwei bullen vorne und hinten ist, sondern ein wandernder kessel und der tonfa sitzt recht locker. also nur frauen vorne war zwar ein cooles gefühl und wir skandierten feministische parolen, was sonst nicht möglich ist weil niemand mitmacht. aber als die bullen an uns ranrückten und die knüppel rausholten, hab ich mir schon gewünscht jetzt ein paar starke antifajungs an der seite zu haben...

Zitat:
Sollten Eure Erfahrungen ähnlich sein, wie denkt ihr kann man das Ganze angehen um entsprechende Gruppen vielleicht zugänglicher für männlich bzw. weiblich sozialisierte Menschen zu machen?

schwierig. erfahrungsgemäß führt eine trotzige "mach's dir doch selbst"-haltung meistens dazu, dass feministische anlagen einfach völlig wegfallen weil's halt keine_r macht. da müsste vielleicht mehr kommuniziert werden zwischen den individuen und gruppen über erwartungshaltungen und was kann wie sinnvoll geleistet werden. vorschläge wie quotierte redelisten etc. kommen meistens gut an, aber es muss halt leider auch jemanden geben, der sich dafür genug interessiert, um sich um die umsetzung zu kümmern und das sind dann meistens halt doch wieder nur die emanzipierteren mädels. es ist auch schwierig, ein bewusstsein für den eigenen sexismus zu schaffen, weil mensch kann ja zu nix gezwungen werden und selbst wenn, heißt das nicht dass dann auch ne einsicht kommt.

inwiefern ich selbst dem klischee entspreche: unterschiedlich... _mal_ "frauenkram" (wie kochen, saubermachen) zu übernehmen finde ich ok, aber wenn so eine "du machst das weil du machst es immer"-erwartungshaltung entsteht, boykottiere ich lieber und bin das faule arschloch statt mich geschlechterrollen zu unterwerfen. ich mag meine eigenständigkeit, was auch mal zu mackervorwürfen führt, wenn ich mir z.b. beim tragen schwerer sachen nicht helfen lassen will. finde es aber auch sehr wichtig, anderen menschen empathisch zu begegnen. wenn es einem menschen schlecht geht, würde ich ihn niemals links liegenlassen weil trösten und mitfühlen und zuhören so typisch weiblich sei - das sollte etwas sein, das _jeden_ menschen auszeichnet.

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an*arrr!*chy!


Zuletzt geändert von arrr! am 18.07.2010, 23:21, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Linke Politik - Rollenverteilungen?
 Neuer Beitrag Verfasst: 18.07.2010, 23:19 
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Klumpen Tofu
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arrr!, Du sprichst da noch einen Punkt ein, den ich beim schreiben ganz übergangen hatte, der aber auch extrem wichtig ist. In einer Tierrechtsgruppe, in der ich längere Zeit aktiv war (von der Gründung an), gab es wie von mir beschrieben in erster Linie weiblich sozialisierte Menschen. Die paar Männer dort haben aber durch dominantes Redeverhalten trotzdem ständig versucht, das Wort an sich zu reißen und die Gruppe zu dominieren. Ich habe das mehrfach thematisiert, da ich das Klima dort irgendwann unerträglich fand (einer der Männer wurde irgendwann immer lauter, wenn er meinte sich durchsetzen zu müssen und teilweise sogar herablassend (vorallem gegen seine Ex-Freundin, die auch Mitglied der Gruppe war)). Manchmal war es dann ein Treffen lang besser, manchmal verließen beklagte Personen beleidigt das Treffen. Es gab einige, die das Ganze genauso empfanden, andere, die diese Kritik übertrieben fanden. Am Schluss sind die Hälfte der Menschen (inklusive mir) aus der Gruppe ausgestiegen...

Auch das ist leider bis heute Realität; 2 Männer, 8 Frauen (nur als Beispiel für das Verhältnis) und die Rede- und vorallem Entscheidungsanteile liegen trotzdem noch bei 60/40... :roll:

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 Betreff des Beitrags: Re: Linke Politik - Rollenverteilungen?
 Neuer Beitrag Verfasst: 18.07.2010, 23:26 
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Klumpen Tofu

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krass ist: ich kenne "unpolitische" zusammenhänge (meinen fachschaftsrat philosophie), wo das einfach fast kein problem ist, im gegensatz zu szenegeschichten. ich fürchte aber, das ist ne typenfrage der leute, die organisationen anziehen. in die antifa gehen halt männliche selbstdarsteller ganz gerne

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 Betreff des Beitrags: Re: Linke Politik - Rollenverteilungen?
 Neuer Beitrag Verfasst: 19.07.2010, 15:18 
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Klumpen Tofu
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Nemesister hat geschrieben:
Ich habe jetzt in meinem Leben schon in diverse politische Gruppen mal reinschnuppern, in einigen davon auch aktiv mitarbeiten können. Außerdem war ich auf einer Reihe von Demos, Workshops usw.. Was mir dabei aufgefallen ist; auch in der emanzipatorischen Linken ziehen sich Rollenklischees durch alle Ebenen - Frauen sind für Empathie und Fürsorge, Männer fürs Hau-drauf zuständig. Klar gibt es Ausnahmen und hier sicher mehr als anderswo, aber in der Regel ist dieser Hang leider auch hier immer noch festzustellen. Frauen findet mensch (meiner Erfahrung nach) verstärkt in Soliküchen/ Food-not-Bombs-Projekten, Tierrechtsgruppen und feministischen/ antisexistischen Kreisen. Männer dagegen widmen sich (meiner Erfahrung nach) vermehrt der Antifa-, Antira-Arbeit, direkten Aktionen auf Demos usw. Alles, was mit Gefühl und für-jemanden-da-sein/ sich-um-jemanden-sorgen zu tun hat (somit weiblich konnotierte Fähigkeiten anspricht) scheint weiblich sozialisierte Menschen eher anzusprechen, alles was dagegen mit Action, "gefährlichen" Aktionen/ Arbeiten, viel Theorie und dadurch auch oft "großen Reden" (männlich konnotierte Fähigkeiten) zu tun hat wird in erster Linie von männlich sozialisierten Menschen ausgeübt.

Habt ihr ähnliche oder eher gegensätzliche Erfahrungen gemacht?

Sollten Eure Erfahrungen ähnlich sein, wie denkt ihr kann man das Ganze angehen um entsprechende Gruppen vielleicht zugänglicher für männlich bzw. weiblich sozialisierte Menschen zu machen?

Habt ihr das Ganze vielleicht sogar schonmal in einer eurer Polit-Gruppen thematisiert? Wenn ja, wie waren die Reaktionen?

Entsprecht ihr selbst diesem "Klischee"? Wenn ja, woran liegt das? Was schreckt Euch bei dem einem ab, zieht Euch bei dem anderen widerum an? War Euch das bisher bewusst?

Finde das ein total interessantes Thema und bin gespannt auf Eure Antworten :)


Ja. Kommt mir stark bekannt vor. Ich mache seit Jahren keine Sachen mehr, die was mit Tierbefreiungs-Aktivismus zu tun habe, obwohl ich das total wichtig finde, weil ich diese Szene als dermaßen feindselige sexistische, heterosxistische, transbhobe Umgebung erlebe, dass ich das nicht aushalte. Ich glaube, vor allen anderen linken aktivistischen Szenen, die ich erlebt habe, ist diese wohl die krasseste, was sowas angeht.

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 Betreff des Beitrags: Re: Linke Politik - Rollenverteilungen?
 Neuer Beitrag Verfasst: 19.07.2010, 15:30 
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Klumpen Tofu
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Annie_Slut hat geschrieben:
Ja. Kommt mir stark bekannt vor. Ich mache seit Jahren keine Sachen mehr, die was mit Tierbefreiungs-Aktivismus zu tun habe, obwohl ich das total wichtig finde, weil ich diese Szene als dermaßen feindselige sexistische, heterosxistische, transbhobe Umgebung erlebe, dass ich das nicht aushalte. Ich glaube, vor allen anderen linken aktivistischen Szenen, die ich erlebt habe, ist diese wohl die krasseste, was sowas angeht.


Geht mir genauso. Hat meiner Meinung nach aber auch damit zu tun, dass diese Szene die unpolitischste ist. Leider herrscht dort eine "Hauptsache für die Tiere"-Mentalität, über den Tellerrand wird selten hinaus geblickt. Ich kopiere mich mal selbst aus einem anderen Thread:
Nemesister hat geschrieben:
Ich bin kein Teil der (deutschen) Tierrechtsszene mehr. Ich kann und will keiner mehr sein und das verursacht mir Herzbluten :(

Ich bin vegan, antispeziesistisch, Tierbefreierin - aber diese Szene, damit will und kann ich mich mehr identifizieren. Zu viel Scheuklappendenken, zu viel Dogmatismus, zu kleine Horizonte und zu wenig Politik. "Hauptsache für die Tiere!" - der Rest? Egal... Kapitalismuskritik? Pffft... wer braucht die schon!... :roll:

Ein Artikel in der aktuellen Tierbefreiung hat mir bestätigt, was ich längst befürchtet habe... Dabei hängt mein Herz doch so an dieser Thematik... :|


Auf dem Antifee letztes Jahr habe ich eine Gruppe aus Braunschweig kennengelernt, die sich schlicht und einfach "Liberation Group" genannt haben. Die waren echt super, weil sie wirklich für die Befreiung von Mensch und Tier eingetreten sind. Die Tierrechtsbewegung schreibt sich das ja gerne auf die Fahnen, viel steckt meist leider nicht dahinter. Ich habs eigentlich satt, mich immer auf irgendwas "spezialisieren" zu müssen weil ich eigentlich gar nicht abwiegen will, was mir wichtiger ist. Mir ist dafür einfach viel zu viel wichtig. Aber vermutlich würde es ansonsten den Rahmen sprengen und gar nichts würde mehr umgesetzt werden...

Ich würde mich einfach gerne selbst irgendwann in einem Kollektiv wiederfinden, dass wirklich ALLE Werte vertritt, die mir wichtig sind. Aber naja, ich schätze das wird bis auf weiteres Teil meiner eigenen kleinen persönlichen Utopie bleiben :?

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 Betreff des Beitrags: Re: Linke Politik - Rollenverteilungen?
 Neuer Beitrag Verfasst: 19.07.2010, 16:10 
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Klumpen Tofu
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Nemesister hat geschrieben:
Annie_Slut hat geschrieben:
Ja. Kommt mir stark bekannt vor. Ich mache seit Jahren keine Sachen mehr, die was mit Tierbefreiungs-Aktivismus zu tun habe, obwohl ich das total wichtig finde, weil ich diese Szene als dermaßen feindselige sexistische, heterosxistische, transbhobe Umgebung erlebe, dass ich das nicht aushalte. Ich glaube, vor allen anderen linken aktivistischen Szenen, die ich erlebt habe, ist diese wohl die krasseste, was sowas angeht.


Geht mir genauso. Hat meiner Meinung nach aber auch damit zu tun, dass diese Szene die unpolitischste ist. Leider herrscht dort eine "Hauptsache für die Tiere"-Mentalität, über den Tellerrand wird selten hinaus geblickt. Ich kopiere mich mal selbst aus einem anderen Thread:
Nemesister hat geschrieben:
Ich bin kein Teil der (deutschen) Tierrechtsszene mehr. Ich kann und will keiner mehr sein und das verursacht mir Herzbluten :(

Ich bin vegan, antispeziesistisch, Tierbefreierin - aber diese Szene, damit will und kann ich mich mehr identifizieren. Zu viel Scheuklappendenken, zu viel Dogmatismus, zu kleine Horizonte und zu wenig Politik. "Hauptsache für die Tiere!" - der Rest? Egal... Kapitalismuskritik? Pffft... wer braucht die schon!... :roll:

Ein Artikel in der aktuellen Tierbefreiung hat mir bestätigt, was ich längst befürchtet habe... Dabei hängt mein Herz doch so an dieser Thematik... :|


Auf dem Antifee letztes Jahr habe ich eine Gruppe aus Braunschweig kennengelernt, die sich schlicht und einfach "Liberation Group" genannt haben. Die waren echt super, weil sie wirklich für die Befreiung von Mensch und Tier eingetreten sind. Die Tierrechtsbewegung schreibt sich das ja gerne auf die Fahnen, viel steckt meist leider nicht dahinter. Ich habs eigentlich satt, mich immer auf irgendwas "spezialisieren" zu müssen weil ich eigentlich gar nicht abwiegen will, was mir wichtiger ist. Mir ist dafür einfach viel zu viel wichtig. Aber vermutlich würde es ansonsten den Rahmen sprengen und gar nichts würde mehr umgesetzt werden...

Ich würde mich einfach gerne selbst irgendwann in einem Kollektiv wiederfinden, dass wirklich ALLE Werte vertritt, die mir wichtig sind. Aber naja, ich schätze das wird bis auf weiteres Teil meiner eigenen kleinen persönlichen Utopie bleiben :?


Meine These ist, dass diese Szene dominiert ist von recht durchweg privilegierten Individuen (Männlich, weiß, hetero, cis, Mittelschicht, able-bodied usw. und in Bezug auf Männlichkeit unbedingt zahlenmäßig, aber diskursiv).
Nun, wenn der Weg nicht Selbstreflexion und Selbsthinterfragung ist und die Auseinandersetzung damit, nicht "auf der Seite der Guten" (also der Unterdrückten, die um ihre Befreiung kämpfen) zu stehen, wogegen können diese Menschen rebellieren? Welchen Kampf können sie führen, wo sie sich nicht selber hinterfragen müssen, wo sie nicht kritisch gesehen werden können von denen, für die zu kämpfen sie sich auf die Fahnen schreiben? Tierbefreiung!
Tiere sprechen nicht für sich selbst, daher kann für sie gesprochen werden, ohne kritischen Widerspruch und Einforderungen der Reflexion der eigenen Dominanzposition. Die Schuldgefühle aus der eigenen Beteiligung an Herrschaft aus dominanter Position und aus deren Verdrängung lassen sich hervorragend durch eine Selbstdarstellung als Held(_in) kompensieren und verstecken.

Der heldenhafte Kampf für die Schwachen, die nicht selber kämpfen können, wird in diesem Zuge auch als der moralisch hochwertigste verstanden. (Scheinbare) Selbstlosigkeit im Gegensatz zu dem "egoisitschen" Bestreben, gegen die eigene Diskriminierung zu kämpfen und sich mit seinen eigenen Belangen zu beschäftigen. Aus "wir sind so sehr durchweg privilegiert, dass wir nicht als Unterdrückte kämpfen können und gegen unsere Dominanz wollen wir nichts machen" wird "Wir sind Helden und kämpfen für die Unterdrückten, und die Leute, die gegen ihre eigene Diskriminierung kämpfen (sprich: die wir diskriminieren), sind dagegen egoistisch".
So lassen sich andere Kämpfe, durch die die Held_innen der Tierbefreiungs-bewegung selber kritisiert würden, abwerten und ignorieren und das Selbst als tadelloser Gutmensch kann unberührt bleiben.

Zu diesem Zweck muss auch eine Unterdrückungshierarchie (aufgestellt von den Privilegiertesten...) aufgemacht werden, in der die Tiere die Unterdrückstesten sind.
Aus deren Unterdrückung sind die Held_innen ja durch Veganismus ausgestiegen und nur die anderen sind schlecht.
Alle anderen Gewaltstrukturen, in denen frau_man selber dominant positioniert ist und handelt, müssen banalisiert werden, damit die Diskriminierungen, die frau_man selber ausübt, viel weniger schlimm erscheint als diejenige, deren Bekämpfung frau_man sich verschrieben hat. Um am Ende als Gutmensch vor allen anderen Menschen dazustehen (und das Bedürfnis genau danach, ist, wie gesagt, meiner Meinung nach gespeist aus sowas wie 'nem unterschwelligen schlechten Gewissen über die eigenen Dominanzen, welches aber nicht durch Auseinandersetzung mit selbigen bekämpft werden soll).

Ich hoffe, es wird irgendwie klar, was ich meine und warum ich denke, dass gerade die Tierbefreiungsbewegung so läuft.

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 Neuer Beitrag Verfasst: 19.07.2010, 17:36 
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Klumpen Tofu

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ja. ich halte es sogar für eine gute analyse, die allerdings noch emprisch abgesichert gehört. aber wir machen hier ja keien wissenschaft

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 Neuer Beitrag Verfasst: 19.07.2010, 21:56 
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Klumpen Tofu
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Ich schließe mich bigmouth an. Sehr gute und schlüssige Analyse!

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 Neuer Beitrag Verfasst: 22.07.2010, 12:59 
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Klumpen Tofu
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Nemesister hat geschrieben:
Ich schließe mich bigmouth an. Sehr gute und schlüssige Analyse!


Ich hab' gerade nicht mehr auf dem Schirm, bist du auch mal in dieser Bewegung unterwegs gewesen? Ich bin nämlich immer interessiert daran, wie andere Leute das so erleben.

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 Betreff des Beitrags: Re: Linke Politik - Rollenverteilungen?
 Neuer Beitrag Verfasst: 22.07.2010, 17:08 
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Klumpen Tofu
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Ja bin ich, hab ja unter anderem hier davon berichtet:

Nemesister hat geschrieben:
arrr!, Du sprichst da noch einen Punkt ein, den ich beim schreiben ganz übergangen hatte, der aber auch extrem wichtig ist. In einer Tierrechtsgruppe, in der ich längere Zeit aktiv war (von der Gründung an), gab es wie von mir beschrieben in erster Linie weiblich sozialisierte Menschen. Die paar Männer dort haben aber durch dominantes Redeverhalten trotzdem ständig versucht, das Wort an sich zu reißen und die Gruppe zu dominieren. Ich habe das mehrfach thematisiert, da ich das Klima dort irgendwann unerträglich fand (einer der Männer wurde irgendwann immer lauter, wenn er meinte sich durchsetzen zu müssen und teilweise sogar herablassend (vorallem gegen seine Ex-Freundin, die auch Mitglied der Gruppe war)). Manchmal war es dann ein Treffen lang besser, manchmal verließen beklagte Personen beleidigt das Treffen. Es gab einige, die das Ganze genauso empfanden, andere, die diese Kritik übertrieben fanden. Am Schluss sind die Hälfte der Menschen (inklusive mir) aus der Gruppe ausgestiegen...

Auch das ist leider bis heute Realität; 2 Männer, 8 Frauen (nur als Beispiel für das Verhältnis) und die Rede- und vorallem Entscheidungsanteile liegen trotzdem noch bei 60/40... :roll:


:)

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 Neuer Beitrag Verfasst: 22.07.2010, 17:39 
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Klumpen Tofu

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*petz* :wink:

es gibt hier auch noch alte threads zum thema "veganismus" und tierrechte, wo sich nemesister mit ganz vielen leuten furchtbar in die wolle kriegt

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(⁀‿⁀)


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 Betreff des Beitrags: Re: Linke Politik - Rollenverteilungen?
 Neuer Beitrag Verfasst: 22.07.2010, 17:50 
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Klumpen Tofu
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bigmouth hat geschrieben:
*petz* :wink:

es gibt hier auch noch alte threads zum thema "veganismus" und tierrechte, wo sich nemesister mit ganz vielen leuten furchtbar in die wolle kriegt


Stimmt :-D Ich muss mir die mal wieder durchlesen, wobei ich denke dass ich auch heute noch so ziemlich dieselben Ansichten vertrete ;)

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 Betreff des Beitrags: Re: Linke Politik - Rollenverteilungen?
 Neuer Beitrag Verfasst: 24.07.2010, 16:39 
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Klumpen Tofu
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Annie_Slut hat geschrieben:


Der heldenhafte Kampf für die Schwachen, die nicht selber kämpfen können, wird in diesem Zuge auch als der moralisch hochwertigste verstanden. (Scheinbare) Selbstlosigkeit im Gegensatz zu dem "egoisitschen" Bestreben, gegen die eigene Diskriminierung zu kämpfen und sich mit seinen eigenen Belangen zu beschäftigen. Aus "wir sind so sehr durchweg privilegiert, dass wir nicht als Unterdrückte kämpfen können und gegen unsere Dominanz wollen wir nichts machen" wird "Wir sind Helden und kämpfen für die Unterdrückten, und die Leute, die gegen ihre eigene Diskriminierung kämpfen (sprich: die wir diskriminieren), sind dagegen egoistisch".
So lassen sich andere Kämpfe, durch die die Held_innen der Tierbefreiungs-bewegung selber kritisiert würden, abwerten und ignorieren und das Selbst als tadelloser Gutmensch kann unberührt bleiben.

Zu diesem Zweck muss auch eine Unterdrückungshierarchie (aufgestellt von den Privilegiertesten...) aufgemacht werden, in der die Tiere die Unterdrückstesten sind.
Aus deren Unterdrückung sind die Held_innen ja durch Veganismus ausgestiegen und nur die anderen sind schlecht.
Alle anderen Gewaltstrukturen, in denen frau_man selber dominant positioniert ist und handelt, müssen banalisiert werden, damit die Diskriminierungen, die frau_man selber ausübt, viel weniger schlimm erscheint als diejenige, deren Bekämpfung frau_man sich verschrieben hat. Um am Ende als Gutmensch vor allen anderen Menschen dazustehen (und das Bedürfnis genau danach, ist, wie gesagt, meiner Meinung nach gespeist aus sowas wie 'nem unterschwelligen schlechten Gewissen über die eigenen Dominanzen, welches aber nicht durch Auseinandersetzung mit selbigen bekämpft werden soll).
Klingt wirklich sehr schlüssig, fasst möchte ich fragen, ob irgendwer Bock hat da mit mir wirklich mal systematisch nachzuforschen. Als Konstruktion von 'Wir' und 'die Anderen', inkl. der harschen Abgrenzung gegen letztere, ohne dabei auf irgendwas anderes als die eigene 'Moralität' zurückgreifen zu können, weil mensch in allen anderen Bereichen priviligiert ist. Seeeeehr spannende Fragestellung... genau mein Forschungsbereich... ihr könnt dovh hier nicht so tolle Fässer aufmachen...

Davon ab finde ich gerade den Punkt 'andere anfeinden' habe ich so auch erlebt. Der Mensch von dem Nemesister schrieb war nicht nur total mackerig, sondern auch sehr aggressiv gegenüber alles und jeden: Theoriefuzzis, Feminist*Innen usw. usf. Das ganze Leben in seiner Totalität hatte sich der Tierbefreiung unterzuordnen. Wer Aktivist*Innen-Burnout vermeiden wollte, oder einfach so auch mal Freude, Entspannung und Ruhe brauchte war nicht 'true' und wer von Studium oder Beruf gefordert war, setzte seine*Ihre Prioritäten falsch und war unten durch. Das ging bis zu einem Level, dass ich menschenfeindlich nennnen würde...

So krass sind die lieben AntiFas ja zum Glück nicht alle und ich kann zu meiner großen freude berichten einmal bei einem Seminar zur queer/gendersensiblen Jugendarbeit mit zwei AntiFas eine wirklich tolle Auseinandersetzung mit Männlichkeit und Mackertum gehabt zu haben. Die machen das wohl soagr sonst regelmäßig mal. Leider sind sie in der Szene dann doch eher selten, schade ist's. Alelrdings gibt es da augenscheinlich einen Vortrag/Workshop zu dem Thema, der durch die Szene tourt, hat den hier jemensch mal miterlebt und kann berichten?

Ansonsten würde ich es ja mal spannend finden, zu wissen was in den 80ern in der kritischen Männlichkeitsbewegung in der radikalen Linken so ging.

_________________
„...Und irgendwo zwischen den Trümmern all der Grenzen, Mauern und Konstruktionen, die uns voneinander trennen...
irgendwo da könnten wir uns zum ersten Mal treffen.“

(von piratenutopie.de.vu)


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